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Blauer Panther

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TV & Streaming Tipps S01 E06

Paradies und Chaos auf engem Raum

In der intensiven Doku-Fiction „Die Bilderkriegerin“ würdigt das ZDF die 2014 in Afghanistan gestorbene Fotojournalistin Anja Niedringhaus, bei FUNK ist mit „Feelings“ Gruseln im Social Media-Zeitalter angesagt und die Netflix-Doku „Eldorado“ zeigt queeres Leben im Berlin der 20er-Jahre – die TV & Streaming Tipps für Juli und August.

Die Fotografin Anja Niedringhaus (Antje Traue) während der Belagerung von Sarajevo.

Die Bilderkriegerin

„Sie findet die Seele der Menschen, die sie fotografiert“, heißt es gleich am Anfang in Roman Kuhns Film über die Kriegsreporterin Anja Niedringhaus, was die Kunst der Fotojournalistin sehr treffend beschreibt. Auf tragische Weise kam Niedringhaus im Jahr 2014 in Afghanistan während ihrer Arbeit ums Leben. Risiken hatte die Journalistin nie gescheut, die Kriegsreporterin war anders als viele ihrer Kolleg:innen niemals ein Adrenalinjunkie. Ihre Bilder zielten nicht auf den großen Effekt, doch ihre Wirkung erreichten Niedringhaus‘ eindringliche Aufnahmen umso mehr. „Die Menschen wollen, dass ich sie fotografiere und ihre Geschichten erzähle,“ hören wir die Reporterin an einer Stelle des Films sagen.

 

1991 hatte in Frankfurt beim Rundfunk ihre Laufbahn als Fotojournalistin begonnen. Schon damals wollte sie ins bürgerkriegszerrissene Jugoslawien reisen, um von dort aus zu berichten. Den Satz „Krieg ist was für Männer“ hörte die junge Journalistin damals von vielen, doch er sollte sie nicht abhalten. Vom Kriegsgeschehen berichtete Niedringhaus erstmals im Jahr 1992 aus Sarajewo. Im überspannten Umfeld ihrer männlichen Kollegen setzt sie sich durch und lernt, was es bedeutet, sich in einem Gefahrengebiet zu bewegen, in dem jeder Schritt ein fataler letzter sein kann. „Die Bilderkriegerin“ erzählt in halb dokumentarischer sowie halb fiktionaler Weise von Niedringhaus‘ erlebnisreichem Leben, von ihren zahlreichen Auszeichnungen wie dem Pulitzer Preis und ihren internationalen Veröffentlichungen u.a. in der New York Times. Um Erfolge ist es nie gegangen, das lernen wir in Roman Kuhns sehenswertem Fernsehfilm, sondern sie trieb die Einsicht um, dass es ohne Bilder keine Zeugen vieler Verbrechen geben würde – dem wirkte Niedringhaus Zeit ihres Reporterinnenlebens entgegen.

Die Bilderkriegerin. Ab 23.7. in der ZDF-Mediathek

Feelings

 
 

Im Leben der 16-jährigen Alva ist seit ihrem Umzug aufs Land nichts mehr, wie es einmal war. Dem einstigen Stadtkind fällt es schwer, in der neuen Umgebung Anschluss zu finden. „Ich will am liebsten sofort wieder abhauen“, hören wir Alva (Smilla Maryluz Liebermann) verzweifelt am Handy sagen. Die Kids in der Schule sind Alva nicht ganz geheuer, so wenig wie die Wälder, die das Haus der Großeltern umgeben, in dem die Protagonistin gemeinsam mit ihrem Vater lebt. Irgendetwas seltsames geht in der Nacht darin vor. Schon beim Einzug bemerkt Alva ein seltsames Leuchten, das ihr noch öfter bei ihren Heimfahrten auf dem Fahrrad begegnen wird. Doch zwischen den Bäumen ahnt Alva zudem eine noch weit unheimlichere Präsenz. Die Coming-of-Age-Serie „Feelings“ auf Funk zeigt, dass Genre-Geschichten auch im deutschen TV funktionieren können. Orientiert am US-amerikanischen Highschool-Horror widmet sich „Feelings“ dem speziellen Grusel des Social-Media-Zeitalters. In einem Video, das sich bald schon viral verbreitet, wird Alva von ihrer ehemals besten Freundin geshamed – bei vielen Mitschüler:innen ist sie danach unten durch. Zum Glück macht Alva aber die Begegnung mit der geheimnisvollen Esma, die in einer lokalen Band spielt. „Psycho Killer“ von Talking Heads spielen sie auf einer Probe, der Alva beiwohnt. „Feelings“ von der Regisseurin Clara von Arnim und der Headwriterin Riccarda Schemann ist ein gekonnter Genremix aus Oberstufendrama und Horror-Mystery. Visuell und auf der Sound-Ebene klingen Vorbilder wie „Stranger Things“ aber auch der Horror-Altmeister John Carpenter an. Die Synthie Sounds im 80er-Retrocharme haben ebenso Suchtpotenzial wie die etwa 20-minütigen Episoden der Show insgesamt. Konsequent setzt „Feelings“ auch darauf, die Story in den Weiten der Social Media, bei Tiktok und YouTube weiterzuerzählen. Ganz schön fies, diese Feelings.

Feelings. 10 Folgen. Seit Ende Juni abrufbar bei Funk

Eldorado – Alles, was die Nazis hassen

 
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Das Eldorado in Berlin war die wahrscheinlich spektakulärste queere Location in der Geschichte. Der Regisseur Benjamin Cantu setzt dem Tanzlokal wie zuletzt auch schon die Filmemacherin Julia von Heinz in „Eldorado KaDeWe“ (Blauer Panther 2022) ein Denkmal. Anders als die ARD-Serie setzt Cantus Netflix-Produktion aber auf die erzählerische Kraft des Dokumentarischen. Die Zeit der wilden flirrenden 20er sind auch nur der Ausgangspunkt seines Films, der sich mit der Verfolgung queeren Lebens während und auch nach dem Nationalsozialismus auseinandersetzt. „Die Unruhe war in der Luft“, heißt es in „Eldorado“ an einer Stelle, an dem die Verfolgung der Nazis unter der SA bereits begonnen hat. Deren Anführer Ernst Röhm frequentierte als schwuler Mann zwar selbst das Eldorado, der Hass seiner Männer auf alles, was vermeintlich anders war, kannte aber keine Grenzen. Auf der sogenannten Rosa Liste landeten alle, die der Homosexualität und anderer Abweichungen von der heterosexuellen Norm verdächtig waren. Der berüchtigte Nazi-Paragraf 175 zeigte noch weit bis in die 60er-Jahre in der Bundesrepublik seine Wirkung. Ersatzlos aufgehoben wurde er erst 1994. An die allzu gerne vergessene Verfolgung Homosexueller und queerer Leben während und nach der NS-Zeit erinnert Benjamin Cantu in seinem historisch so kenntnisreichen wie sehenswerten Dokumentarfilm, der zeigt, dass das queere Leben in der heutigen Hauptstadt Berlin und in anderen Teilen der Republik beileibe keine Selbstverständlichkeit ist.

Eldorado. Seit 28.6 bei Netflix.