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Hintergrund: „Wirecard – Die Milliardenlüge“

Gier, Größenwahn und Staatsversagen

Der Dokumentarfilm „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ rollt den größten Finanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte auf.

Der Film von Benji und Jono Bergmann rollt den Wirecard-Skandal multiperspektivisch auf und erzählt ihn so spannend wie ein Wirtschaftskrimi (c) SFFC Ness Whyte

In „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ rollen die österreichischen Filmemacher Benji und Jono Bergmann den größten Finanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte auf. Ein packender Mix aus Dokumentation und Wirtschaftskrimi.

In puncto Wirecard-Betrug hält es Whistleblower Pay Gill mit Shakespeare: „In der ersten Szene von ‚Macbeth‘ heißt es: ‚Gerecht ist schlecht, und schlecht ist gerecht.‘ Für mich beschreibt das Wirecard. Das Gute wurde schlecht gemacht und das Schlechte für gut befunden.“ Zu theatralisch? Mitnichten. Diese Umkehrung der Werte bringt den größten Finanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte prägnant auf den Punkt. So sehen das auch die beiden österreichischen Filmemacher Benji und Jono Bergmann, die das hochkomplexe Lügenkonstrukt des Finanzdienstleisters in „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ zerpflückt haben. Der österreichischen Zeitung Der Standard sagte Benji Bergmann: „Dieser Satz beschreibt für uns die Seele des Films besser und tiefer als gefälschte Bilanzen und schwindlige Finanztransaktionen.“

Benji und Jono Bergmann freuen sich über die Auszeichnung mit dem Blauen Panther (c) Medien.Bayern Johannes Müller

Multiperspektivisch und bildstark

In ihrer investigativen Dokumentation zeichnen Benji und Jono Bergmann den kometenhaften Aufstieg eines zwielichtigen Unternehmens zum Dax-Konzern und seinen tiefen Fall nach.  Multiperspektivisch setzen sie aus den Berichten von Whistleblowern, Investigativ-Teams und Ex-Mitarbeitern das irre Gesamtbild zusammen: Jahrelang fälschte die Fintech-Company mit Sitz in Aschheim bei München Bilanzen, betrog allein seine kreditgebenden Banken um rund 3,1 Milliarden Euro. Im Juni 2020 fliegt der Schwindel während einer Jahresabschluss-Prüfung auf, Scheinbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro werden entdeckt. Das Geld ist bis heute weg. Die Folgen: der Zusammenbruch eines gigantischen Lügenkonstrukts, internationale Haftbefehle, Insolvenz. Asien-Vorstand Jan Marsalek taucht unter. Neben den Bilanzfälschungen werden weitere Betrügereien wie Geldwäsche und Gesamtschulden von über 3,2 Milliarden Euro öffentlich – und die Namen derer, die in unterschiedlichsten Funktionen mitmauschelten.

„Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ ist dementsprechend randvoll mit Gier, Korruption, Größenwahn und Staatsversagen. Die Blauer Panther-Jury: „Die gelungene Mischung aus den aufwändigen Gesprächen mit Whistleblowern, Wirecard-Mitarbeitern und Journalisten, den wenigen, aber bildstarken Spielszenen und den allgemeinverständlichen Erklärungen der Geschäftspraktiken von Wirecard machen ‚Wirecard – Die Milliarden-Lüge‘ zu einem herausragenden Krimi, einem spannenden Drama und einem sensationellen, exzellent recherchierten Dokumentarfilm, der zeigt, wie einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte aufgedeckt wurde.“

Jono und Benji Bergmann während der Laudatio von Claus Kleber (c) Medien.Bayern Ralf Wilschewski

Packend wie ein Wirtschaftskrimi

Rund 20 Jahre lang funktionierte das Blendwerk des Zahlungsdienstleisters, der als Symbol einer neuen Ära in der Finanzbranche galt – nicht zuletzt, weil das Wirtschaftsprüfungsteam von EY, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), das deutsche Finanzministerium und sogar die Staatsanwaltschaft mitspielten. Dabei gab es von Anbeginn Hinweise auf betrügerische Machenschaften. Nur hören wollte diese Warnungen niemand. Im Gegenteil: Wirecard stellte sich als zu Unrecht angeschwärztes Opfer dar. Das Lügenkonstrukt zum Einsturz brachten 2020 schließlich Pav Gill, Senior Legal Counsel Wirecard in Singapur, und seine Mutter Evelyn Sokhbir Kaur. Mit den beiden Filmemachern spricht der bis dato anonyme Whistleblower zum ersten Mal über seine Erfahrungen. Es sei viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, so die jungen Regisseure. Nicht verwunderlich: „Wir wurden bedroht, verfolgt und diffamiert. Aber jetzt ist es an der Zeit, aus der Deckung zu kommen“, sagt der Jurist, bevor er auspackt. „Das Durchhaltevermögen und der Mut unserer Protagonisten“ habe ihn am meisten beeindruckt, sagt Jono Bergmann.

Zu Ende ist der Wirecard-Thriller übrigens noch lange nicht. In Kürze soll der Strafprozess gegen den früheren Vorstandschef Markus Braun, Bilanzchef Stephan von Erffa und Oliver Bellenhaus, Wirecard-Manager in Dubai, beginnen, gab das Oberlandesgericht München in der letzten Septemberwoche bekannt. Hauptvorwurf: gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Höchststrafe zehn Jahre Gefängnis. Daneben wirft die 474-Seiten-Anklageschrift den Ex-Vorständen Bilanzfälschung, Marktmanipulation und Untreue vor. Braun, seit 22. Juli 2020 in Untersuchungshaft, weist alle Vorwürfe zurück, sieht sich weiterhin als Opfer. Im Zuge der Anklagevorbereitung überprüfte die Staatsanwaltschaft 340 Unternehmen, 450 Personen und über 1100 Bankverbindungen. Damit ist auch dieser Teil der Wirecard-Story mit einem bitteren Superlativ behaftet: Er dürfte der größte Wirtschaftsstrafprozess der Nachkriegsgeschichte werden.

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