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Hintergrund: „Gegen Putin“

Mut der Verzweiflung

Wie junge Russinnen gegen Putin protestieren

 

Die STRG_F-Web-Dokumentation „Gegen Putin: so gefährlich ist Protest in Russland“ zeigt vier mutige Aktivistinnen und eine zutiefst gespaltene Gesellschaft – und erhält für die schwierige Produktion beim Blauen Panther 2022 den Spezialpreis Web-Format.

Wie ist politischer Widerstand möglich? Eine Frage, die Menschen vor Ort schnell in Schwierigkeiten bringen kann. Als Russland am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert, wird auch das Leben von Darja Hejkinen aus St. Petersburg, Bloggerin und Gründerin der politischen Bewegung Majak (Leuchtturm), über Nacht auf den Kopf gestellt. Für die Aktionen der Aktivistin und ihrer Crew hat der Kriegsbeginn drastische Folgen: An Darjas Tür schmieren Unbekannte das Wort „Heimatverräterin“, die Polizei durchsucht ihre Wohnung. Sie lässt sich nicht entmutigen, will in der Stadt bleiben. An ihrem 19. Geburtstag schreibt sie auf Instagram (@kheikinen.d): „Heute ist der 3. Tag der Mobilisierung, der 211. Tag des schrecklichen Krieges und der 8.216. Tag, an dem der blutrünstige Diktator mein Russland raubt. 40 Tage, seit meine Freundin gestorben ist. 2 Tage Gefängnis für meinen Freund. Das einzige, was ich mir an diesem Tag wünschen möchte, ist, dass dieser Albtraum vorbei ist.“

Dass Vladimir Putins Machtapparat mit Meinungs- und Pressefreiheit auf Kriegsfuß steht, musste auch Annette Kammerer am eigenen Leib erfahren. Die preisgekrönte Journalistin wurde in Sachen Presseakkreditierung für Russland erst monatelang hingehalten, dann abgelehnt. Seither steht in ihrem Instagram-Profil „ARD Korrespondentin für Moskau aus dem Exil“. Das macht die Kurzdokumentation „Gegen Putin: so gefährlich ist Protest in Russland“ für das YouTube-Format STRG_F umso eindringlicher.

Widerstand kann im Gefängnis enden

Auch Künstlerin Alisa Gorshenina postet ihre kreativen Protestaktionen im Web (u. a. @alicehualice auf Instagram). Bald ist sie in der Provinzstadt Nischni Tagil im Ural nicht mehr sicher, wegen ihrer politischen Kunst steht der 28-Jährigen ein Verfahren ins Haus. Skulpturen mit blauen Tränen kommen bei Putin-Getreuen nicht gut an. Sie stellt ihre Werke trotzdem weiter aus. Ihren Follower:innen schreibt Alisa: „So viel zu sagen, aber der Schmerz, den ich fühle, ist nicht in Worte zu fassen.“

Studentin Sonja muss aus St. Petersburg ins Exil, nachdem sie mit Kumpel Igor einen Videoclip im Netz gepostet hat. Darin sind die beiden beim Verbrennen einer Soldaten-Puppe zu sehen. Nach zwei Tagen Isolationshaft und einer Anklage wegen „Hooliganismus und Respektlosigkeit gegen die Gesellschaft“ flieht sie in die georgische Hauptstadt Tiflis. Igor hatte weniger Glück, er muss in Untersuchungshaft auf seinen Prozess warten.

Die Blaue Panther-Jury über die Aktivistinnen: „In einem Land, das sich über elf Zeitzonen erstreckt, vereinen sie Haltung und Mut im Einsatz für demokratische Werte.“ STRG_F-Autorin Kammerer selbst twitterte einen Monat nach dem Überfall: Ich bekomme das nicht zusammen. Weder mit Europa im 21. Jahrhundert, noch mit dem Land, das ich kenne. Konstante Bild-Kopf-Schere, auch fast 2 Wochen nach Kriegsbeginn.“

Berichterstattung aus dem Exil

Kammerer, ihre Kollegin Nadja Mitzkat sowie der freie Journalist Jan Vollmer zeigen in beklemmender Deutlichkeit, wie (lebens-)gefährlich jeglicher politischer Widerstand in Russland sein kann und wie radikal junge Putin-Anhänger:innen sind. Aufgrund der angespannten politischen Lage mussten die ehemalige „Panorama“-Autorin Kammerer, NDR-Redakteurin Mitzkat und Osteuropa-Experte Vollmer von Deutschland und Georgien aus arbeiten. Die „Blaue Panther“-Jury: „Die Produktion ist unter beachtlichen Risiken entstanden, da die Journalist:innen und die Aktivistinnen, die ihre Geschichten selbst dokumentieren, außer einem Kameramann niemanden finden konnten, der sich der Gefahr einer solchen Berichterstattung aussetzen wollte. Sie zeigt uns die Verfolgung jeglicher kritischer Aktivitäten in Russland und gibt uns gleichzeitig einen verstörenden Einblick in einen von vielen prorussischen Telegram-Kanälen, der das Ausmaß an nationalistischem Fanatismus erahnen lässt. Damit arbeitet die Dokumentation die Spaltung einer Generation gekonnt heraus und lässt uns über die Bedeutung von Mut und Haltung nachdenken.“ 

Was die Web-Reportage so besonders macht, ist nicht nur der tiefe Einblick, den sie in das Leben der mutigen Russinnen gewährt, sondern auch das Format: Die Reihe STRG_F (gesprochen „Steuerung F“), produziert vom Online-Content-Netzwerk funk (ARD und ZDF) spricht über seine Online-Portale vor allem junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren an. Die Jury: Der Beitrag richte sich „in seiner eindrücklichen Erzählweise bewusst an eine junge Zielgruppe und wird dieser über YouTube in einem zeitgemäßen Format zugänglich gemacht.“