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Blauer Panther

  /  2023   /  Porträt: Nina Gummich

Porträt: Nina Gummich

Streitbare Feministin in Höchstform

Nina Gummich macht Frauenrechtlerin Alice Schwarzer gleichermaßen nahbar, verletzlich, getrieben und doch aufbrausend – ein Spagat, der ihr dank akribischer Vorbereitung glänzend gelingt.

Dank akribischer Vorbereitung gelingt Nina Gummich der Spagat zwischen streitbarer „Emma“-Herausgeberin und getriebener Idealistin: Alice Schwarzer fühlte sich von ihrer Darstellung in ihrem Wesen erkannt. (c) Das Erste

Alice Schwarzer zum 80. Geburtstag: Die ARD widmet der Feminismus-Ikone den Zweiteiler „Alice“ – mit einer preiswürdigen Hauptdarstellerin Nina Gummich. Begründung der „Blauer Panther“-Jury: Über Schwarzer dürfe man geteilter Meinung sein, über Gummichs herausragende Leistung nicht.

So ein Geburtstagsgeschenk bekommen nicht viele: Die ARD bedachte Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zum 80. mit einem Biopic-Zweiteiler inklusive weitreichendem Mitspracherecht. So hatte die „Emma“-Herausgeberin auch in Sachen Besetzung ein Wörtchen mitzureden – und war sich bereits nach der ersten Casting-Session mit Nina Gummich sicher:„Das ist meine Hauptdarstellerin.“ Die Schauspielerin hätte „ihr Wesen erkannt“, sagte sie der damals 31-Jährigen beim Kennenlerntreffen in den Kölner Redaktionsräumen der „Emma“. Die gebürtige Hallenserin überzeugte nicht nur die Feminismusikone. „Gestik, Mimik, Sprache, Aussehen – es ist fast unheimlich, wie sehr Gummich mit der Figur verschmilzt.“, befand die „Blauer Panther“-Jury und nominierte Nina Gummich in der Kategorie „Beste Schauspielerin”.

„Ein Biopic ist immer nur so gut wie die Darstellung der Figur, deren Leben man erzählen möchte“, so die Jury weiter. „Im Fall „Alice“ ist dies mehr als auf den Punkt gelungen.“ Nicht zum ersten Mal wird Gummich für ihr herausragendes Talent gefeiert. So wurde sie unter anderem 2010 mit dem Bayerischen Fernsehpreis (Kategorie Nachwuchsförderpreis) ausgezeichnet. Neben der Nominierung für den „Blauer Panther – TV & Streaming Award“ erhielt sie für „Alice“ eine Grimme-Preis-Nominierung.

Die Jury des Blauen Panthers ist sich einig: „Über Alice Schwarzer darf man geteilter Meinung sein – über Nina Gummichs herausragende schauspielerische Leistung nicht.“ (c) Das Erste

Gummich macht eine Ikone nahbar

Die von Silke Steiner und Daniel Nocke geschriebene und von Nicole Weegmann inszenierte Filmbiografie „Alice“ blättert in rund drei Stunden anderthalb Jahrzehnte aus dem Leben der Feministin, Autorin und Verlegerin – von ihren Jahren in Paris über den Beginn der Frauenbewegung in Deutschland bis zur ersten EMMA 1977. Dabei dokumentiert sie den Wandel eines frankophilen Au-pairs zu einer polarisierenden Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Der Zweiteiler zeigt private Lebensetappen ebenso wie Schwarzers Anfänge als junge Journalistin, die Entstehung ihres Bestsellers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, und ihren Kampf gegen tradierte Geschlechterrollen und Abtreibungsgesetze inklusive des seinerzeit Aufsehen erregenden TV-Streitgesprächs mit Antifeministin Esther Vilar („Der dressierte Mann“). Nicht minder medienwirksam: das „Stern“-Titelbild „Wir haben abgetrieben“, um das sie 1974 heftig mit dem Verleger Henri Nannen rang. „Jahrzehnte vor der Erfindung des Internets provoziert Alice Schwarzer den ersten großen misogynen Shitstorm in der Geschichte der Bundesrepublik“, fasst die ARD diesen Eklat zusammen. Immerhin stärkten ihr im Kampf gegen das Abtreibungsverbot engagierte Mitstreiterinnen wie Schauspiel-Star Romy Schneider den Rücken, mit der die Frauenrechtlerin innige, sehr offene Interviews führt.

Nina Gummich macht die umstrittene Frauenrechtlerin nahbar, zeigt sie verletzlich, getrieben, aber auch als dominante, aufbrausende Kämpfernatur. Ein Spagat, der ihr nicht zuletzt dank akribischer Vorbereitung glänzend gelingt. „Das Ziel bei so einer Rolle ist natürlich, dass alles, was ich äußerlich erst mal beobachte – wie spricht sie, wie lacht sie, wie streicht sie den Pony zur Seite – benutze, um das Wesen desjenigen zu verstehen, damit ich es von innen heraus spielen kann und es keine nachgemachte Hülle bleibt.“ erzählte Gummich dem Stern. Dass Schwarzer sich in ihrem Wesen erkannt fühlte, bezeichnet sie als „etwas sehr Schönes und Besonderes“.

Die Schauspielerin,1991 in Halle (Saale) geboren, wuchs, wie sie es selbst beschreibt, „in einer großen bunten Patchworkfamilie“ auf: Ihre Mutter Anne-Kathrin Gummich ist Filmschaffende und Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig (HMT), ihr Adoptivvater ist der Schauspieler Hendrik Duryn unter anderem aus der Comedy-Serie „Der Lehrer“ bekannt. Bereits mit neun Jahren gab die heute 32-Jährige in „Ein Vater zu Weihnachten“ (2001) ihr TV-Debüt, spielte seither in diversen Fernsehproduktionen. Nur konsequent, dass sie mit 18 Jahren ein Schauspielstudium begann, danach ihre Karriere auf der Theaterbühne fortsetzte. Bekannt wurde sie durch TV-Highlights wie der opulenten Kriminalserie „Babylon Berlin“ (seit 2017), als ehrgeizige Ärztin in der dritten Staffel des Serien-Hits „Charité“ (seit 2017), dem preisgekrönten Netflix-Sechsteiler „Das letzte Wort“ (2020) und als toughe Pathologin Theresa Wolff im „Thüringen-Krimi“ (seit 2021). Ebenfalls unter die Haut gehend: Gummich im #MeToo-Drama „So laut du kannst“ (2022).

Die Rolle der streitbaren „Emma“-Herausgeberin, die auch heute noch für manche Kontroverse gut ist, zählt zweifelsohne zu den bisherigen Glanzpunkten ihrer über 20-jährigen Karriere. Die Jury: „Über Alice Schwarzer darf man geteilter Meinung sein – über Nina Gummichs herausragende schauspielerische Leistung nicht.“